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Was bedeutet Sucht für die Familie?

Einen sehr hohen Stellenwert nimmt für mich die Arbeit mit Angehörigen von Suchterkrankten ein.
Ich betreue Partner, Kinder, Eltern und andere Angehörige, Freunde und Menschen im Umfeld einer
Person mit einer Suchterkrankung. ( Alkohol, Drogen, Glücksspiel)

Sucht, vor allem Alkoholsucht ist eine „Familienkrankheit“. In den USA wird die Alkoholkrankheit
und Drogenabhängigkeit daher auch sehr treffend als „family affair“ bezeichnet.
In unserer Gesellschaft ist man da meist weniger „tolerant“ und es überwiegt eine etwas andere
Sichtweise. Entweder ist der Suchtkranke „der Arme“ dem geholfen werden muss und seine
Angehörigen müssen nur lernen wie sie sich richtig verhalten und mit dem Suchtkranken umgehen.
Oder der Suchtkranke ist stigmatisiert, der „Schwache“ der wegen großer Probleme angefangen hat
zu trinken und jetzt nicht mehr aufhören kann; er muss sich ja eigentlich nur „zusammen reißen“.
Hier wird Sucht oft als „Charakter- und Willensschwäche gesehen. Oder, im schlimmsten Fall, wird
der Familie die „Schuld“ für die Sucht in die Schuhe geschoben.

Viele Angehörige von Suchtpatienten fühlen sich für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Sucht

mitverantwortlich.

Nicht selten wird Ihnen das vom Suchterkrankten auch so gesagt. Begeben sie sich in Therapie,

befürchten sie vermehrt Vorwürfe, sowohl vom betroffenen Familienmitglied als auch vom
Therapeuten.

Der Stellenwert, der den Angehörigen und ihrem Schicksal von unserer Gesellschaft beigemessen

wird, ist treffend in folgendem Textauszug von Märta Tikkanen beschrieben:

 

„Der Psychiater blätterte bekümmert
In den Adressen der Unfehlbaren.
Hier habe ich zwei, sagte er,
die ganz hervorragend sein sollen.

Die besten, sagte er,
heben wir und vorsichtshalber

für ihren Mann auf
falls er mal Hilfe haben möchte

Aber hier, sagte er freundlich,
ist die Adresse des Nächstbestenfür
Sie und ihre Kinder“

Aus dem Roman „Die Liebesgeschichte des Jahrhunderts“ von Märta Tikkanen

Über das Leben mit einem Alkoholiker

Mit dieser Herangehensweise fördert man etwas, was in Familien mit Suchtkranken so und so schon
passiert ist.

Man konzentriert sich ganz auf den Suchtkranken und auf das einzige Ziel- das dieser aufhören möge
Alkohol zu trinken oder Drogen zu nehmen. Die Angehörigen, vor allem Partner und Kinder kommen
dabei zu kurz. Sehr oft dreht sich alles nur noch um die Sucht, auch darum das Problem bestmöglich
zu vertuschen und unbedingt geheim zu halten! Das ist harte Arbeit und Angehörige sind hier sehr
gefordert, und letztendlich- überfordert.

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Das Zusammenleben mit einem Menschen der an einer Sucht leidet, ist für die meisten so schwierig,
dass sie es ohne Hilfe meist kaum ertragen können.

Von einer Sucht ist die gesamte Familie betroffen, jedes Familienmitglied wird in besonderer Weise
beeinträchtigt.

Vor allem Kinder leiden verstärkt unter der Sucht eines oder beider Elternteile!

Familienangehörige von Suchtkranken müssen mit sehr vielen, sehr starken Gefühlen umgehen
lernen:

Schuld, Scham, Angst, Hilflosigkeit, Wut, Zorn, Ekel, Abscheu, Trauer, Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung, Ohnmacht…

 

Oft sind es die PartnerInnen die am meisten leiden.

Sie sind es, die oft nicht wissen wie sie das Notwendige zum Leben besorgen, die Familie
aufrechterhalten, sich alleine um die Kinder kümmern sollen. Partner, die nicht wissen wie sie mit der
ständigen Furcht, der Scham, der Enttäuschung, der Zweifel, der Wut, dem Ekel zurechtkommen
sollen. Partner, die nicht wissen wie sie ihre Kinder schützen sollen, davor „Schaden“ zu nehmen
wenn sie mit einem Süchtigen aufwachsen, oder gar vor tätlichen Übergriffen. Partner, die sich allein
und vom Umfeld unverstanden fühlen; denen gesagt wird“ du bist ja selber Schuld, verlass ihn/sie
doch einfach!“ Doch was ist wenn das gar nicht gewollt ist oder aus den verschiedensten Gründen
nicht „möglich“ ist? Partner, denen die Schuld zugeschrieben wird.

 

Ich unterstützte besonders Frauen dabei, Auswege aus diesem Kreislauf der Sucht zu finden.

 

In weiter Folge können der/ die Suchtbetroffene in die Beratung mit einbezogen werden.

Angehörige setzen sich in ihrem Kampf gegen die Sucht meist unerreichbare Ziele. All diese Anstrengungen und Bemühungen führen aber meist zu keiner Veränderung der Situation. Im Gegenteil, es scheint als würde das verstärkte Bemühen den gegenteiligen Effekt haben.

Angehörige haben ein Recht auf Unterstützung und Hilfe, unabhängig davon ob ihr suchtkrankes Familienmitglied in Behandlung ist.

Ich arbeite mit Angehörigen daran eine innere Unabhängigkeit zu entwickeln, eigene Ziele wahrzunehmen zu definieren und zu verfolgen.

Ich handle dabei nach meinem Leitspruch, dem sogenannten Gelassenheitsgebet der anonymen Alkoholiker.

 

„Ich wünsche mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen die ich nicht ändern kann,
Dinge zu ändern, die ich zu ändern vermag,
und die Weisheit das eine vom anderen zu unterscheiden“

 

Angehörige erleben sich als hilflos, ratlos, schämen sich oft und sind zum Zeitpunkt, an dem sie eine
Beratung in Anspruch nehmen, meist körperlich, geistig und seelisch erschöpft.

Welche Verhaltensweisen deuten darauf hin, dass ich als Angehöriger zu sehr in die
Suchterkrankung einer Person mit verstrickt bin?

 • Das Entschuldigen des Verhaltens der abhängigen Person

• Das Übernehmen von Aufgaben und Pflichten des Süchtigen

• Wiederholte Versuche das Suchtverhalten zu kontrollieren ( Wegschütten von Alkohol,
versuchen den Suchtkonsum zu verhindern, Drohungen, z.B.: mit Trennung; , Ultimatum
stellen….)

• Versuche den Süchtigen zum „Aufhören“ zu zwingen

• Wahrung des „Familiengeheimnisses“ Sucht

• Die Kindererziehung wird schwerpunktmäßig durch den gesunden Elternteil übernommen.

• Wiederholtes Suchen von Ausreden, da Sie kaum noch an Einladungen zu Freunden, Festen
oder Veranstaltungen teilnehmen können oder wollen.

• Sie können kaum mehr etwas planen.

• Sie fühlen oft Wut und enttäuschte Hoffnung.

• Sie nehmen Rücksicht, pflegen und umsorgen den Süchtigen verstärkt.

• Sie melden den Süchtigen beim Arbeitgeber krank wenn er getrunken hat, kümmern sich,
regeln seine Angelegenheiten, denken für ihn mit und trauen ihm kaum mehr etwas zu.

• Sie machen sich Sorgen um die Zukunft.

• Sie verspüren oft großes Mitleid.